Lesefrühling


Für eine kleine, bunte Veranstaltungsreihe unter dem Titel „Lesefrühling“ möchte die Schrobenhausener Buchhandlung an der Stadtmauer im kommenden Monat ihre Kunden und andere Büchernarren begeistern.


Genagelt

Vor einem kleinen, interessierten Kreis las der Auto Leonhard F. Seidl in den Räumen der Schrobenhausener Buchhandlung an der Stadtmauer aus seinem zweiten Roman, dem Regionalkrimi „Genagelt“.

Zu den Klängen des bayerischen Defiliermarsches, zu dem normalerweise Politiker in Festzelte einzumarschieren pflegen, hopste Seidl vergnügt die Treppe in der Buchhandlung hinauf und begrüßte sein in der oberen Etage wartendes Publikum per Handschlag.  Machte es sich nach einem kurzen Plausch bequem, öffnete mit seinem FlipFlop eine bereit stehende Bierflasche und zog sich erst einmal um. FlipFlops aus, Haferl Schuhe und passende Grobstricksocken mit Zopfmuster „von der Mutti“ an. Erst dann begann Seidl aus seinem Regionalkrimi zu lesen.

Der 1976 in München geborene Schriftsteller kann auf einen abwechslungsreichen Werdegang zurückblicken: Der Autor arbeitete bereits als Sozialpädagoge, Krankenpfleger, Dozent für Kreatives Schreiben, Journalist, Biograf und als freier Autor. Und als solcher durchaus erfolgreich: Bereits eine Reihe verschiedener Preise und Auszeichnungen konnte Seidl bisher für seine Arbeiten verbuchen – unter anderem den 1. Preis beim Kurzgeschichtenwettbewerb „Pop goes Literature“ sowie den Förderpreis beim Literaturwettbewerb der Buchmesse im Ried (2013).

Im Jahr 2010 besuchte Seidl die Literarische Sommerakademie (LISA) in Schrobenhausen – als Teilnehmer. Nun, vier Jahre später, reiste der Autor ein weiteres Mal in die Spargelstadt, um hier aus seinem neuesten Roman zu  lesen. Der Regionalkrimi  „Genagelt“ behandelt die Auseinandersetzungen um den Bau der Isentalautobahn. Der Protagonist des Buches, ein etablierter Privatdetektiv, wird in seine alte Heimatstadt gerufen und dort mit dem brutalen Mord an seinem Jugendfreund konfrontiert. Natürlich macht es sich Freddie zur Aufgabe, diesen Mord aufzuklären. Seidl liest vereinzelte Passagen aus seinem Roman, macht den Zuhörern Lust auf mehr und – vor allem – er glänzt als sympathischer Unterhalter. Plaudert immer wieder mit seinem Publikum, erklärt Handlungsstränge, entwirrt Verwicklungen  – „sie sehen das jetzt nicht, das denkt der jetzt, das ist kursiv gedruckt, aber kursiv lesen geht halt nicht“. Dabei sorgte er jedoch nicht nur bei seinem Publikum für den nötigen Durchblick, auch beim Autor selber sorgte die Lesung für eine Überraschung. „Der hat ja den Dienstausweis, den er an dieser Stelle mitnimmt, den hat er ja immer noch – Mensch, jetzt habe ich 25 Lesungen gemacht und merke das erst jetzt, na, das muß ich dann im zweiten Teil unbedingt verarbeiten“. 

Im weitern Verlauf forderte Seidl seine Zuhörer  zum Mitmachen auf.  Gleich zwei Damen aus dem Publikum durften den Autor  bei seiner Lesung unterstützen. Durften Polizisten darstellen „einer jung, einer alt, ein Gockel und der andere“ und ausschließlich vom „Blatt ablesen, nur was da steht, nicht denken“, fordert Seidl seine zwei Helferinnen lächelnd auf und staffiert sie  auch gleich mit passender Mütze und Textblatt aus.

Es war ein gelungener Abend, der allen Anwesenden sichtlich Spaß machte, eben „Kleinkunst vom Allerfeinsten“ wie Ursula Echtler von der Buchhandlung im Hinblick auf den doch recht überschaubaren Zuhörerkreis zum Abschied augenzwinkernd bemerkte.


Rotkäppchen und Co

Bereits zum zweiten Mal gastierte der Hamburger Schauspieler und Ringelnatz-Preisträger Achim Amme in Schrobenhausen. Diesmal präsentierte er mit großem Erfolg in den Räumen der Buchhandlung an der Stadtmauer sein Programm "Rotkäppchen und Co. - Für Erwachsene sowieso".

Amme hatte zahlreiche Märchen im Gepäck - ausgesuchte Stücke, unbekanntere, kleine Texte der Gebrüder Grimm, aber auch Werke von anderen Autoren, wie Janosch oder Ringelnatz und - nicht zuletzt - Achim Amme selbst. Es waren sehr unterschiedliche Märchen, Parabeln, Fabeln, die der ausgebildete Schauspieler vortrug. Lustig, zauberhaft oder auch einfach nur zum Gruseln wie das kurze Märchen vom Kind, das stets unartig war und deswegen krank wurde, bis es starb und selbst dann noch immer keine Ruhe geben wollte. Amme präsentiert diese Geschichten mit allem, was ihm zur Verfügung steht. Seine Mimik, seine Gestik ist abwechslungsreich und stets höchst unterhaltsam. Da linst der Schauspieler und Autor spitzbübisch über seine Brille, die abenteuerlich auf der äußersten Spitze seiner Nase balanciert. Grinst hämisch. Kichert oder wankt scheinbar sturzbetrunken umher, um schon im nächsten Moment bürokratisch korrekt seine Unterlagen an der Tischkante auszurichten und im perfekten Amtsdeutsch  eine Rotkäppchen-Version von Thaddäus Troll zu lesen, in der die "hierorts wohnhafte, noch unbeschulte Minderjährige, welche durch ihre unübliche Kopfbekleidung gewohnheitsmäßig Rotkäppchen genannt zu werden pflegt" eine tragende Rolle spielt.

Doch zu sagen, Amme lese diese Märchen vor, wird dessen Darbietung nicht gerecht. Er liest die Texte nicht, er spielt sie. Haucht den Figuren Leben ein, wenn er mit zarter Fistelstimme jämmerlich herumwinselt oder mit schnoddrig-lässigem Ton von der "Henna gefärbten Tussi redet, die dem coolen Wolfgang im Wald begegnet ist". Wenn er scheinbar betrunken mit schwerer Zunge lallt oder mit listigem Blinzeln Intrigen spinnt.  Überhaupt - diese zahlreichen Varianten des Märchen-Klassikers "Rotkäppchen" sind es, die das Publikum immer wieder lauthals lachen läßt. Ob die kurze Version eines dreijährigen Kindergarten Kindes, die Amtsdeutsch Parodie von Thaddäus Troll oder die Fassung von Ringelnatz - stets erscheint das Rotkäppchen in neuem Gewand und hat so manche Überraschung in seinem Körbchen. Mal sind es mehrere Flaschen Schnaps, mal Öko-Wein und Müsli oder auch ein Revolver, mit dem das Mädchen den Wolf in der Version von James Thurber erschießt, denn "auch mit Nachthaube sieht ein Wolf der Großmutter nicht ähnlicher als der Metro-Goldwyn-Löwe dem Präsidenten der Vereinigten Staaten".

Im Anschluß an seine Darbietung, bei der sich der Schauspieler sichtlich wohl fühlte, mochte sich kaum einer sofort aufraffen, um nach Hause zu gehen. Schnell wurden die Tische zusammen geschoben und Amme setzte sich zu seinem Publikum, um den Abend gemütlich plaudernd ausklingen zu lassen. Und wenn sie nicht irgendwann alle Heim gegangen sind, dann sitzen sie.... Genau.